80. Todestag von Helmuth James Graf von Moltke
23. Januar 2025
Ansprache zu Exodus 13,21-22
„Das Feigenblatt ist ab!“ Dieser Satz findet sich im Protokoll des Volksgerichtshofs am 10. Januar 1945. Gerichtspräsident Roland Freisler, Synonym für die geifernde Unrechtsjustiz der NS-Diktatur, schleudert ihn den Angeklagten entgegen: „Das Feigenblatt ist ab!“
Einer der Angeklagten, Helmuth James Graf von Moltke, stimmt wenige Stunden später in einem Brief uneingeschränkt zu: „Das Feigenblatt ist ab!“
Denn nach diesem Schauprozess gab es für den Angeklagten keinen Zweifel mehr: Zwei Welten waren aufeinandergeprallt, die sich unbedingt ausschließen. Der Nationalsozialismus hatte seine ganze menschenverachtende Fratze entblößt. Wo er selbst stand, nämlich auf der anderen Seite, wurde Moltke durch eine Bemerkung des Richters besonders klar: „Herr Graf“, hatte Freisler gesagt, und ja, einen gewissen Respekt in der Anrede kann sich selbst dieser aggressiv-hämische, demütigende Strafrichter nicht verkneifen, „Herr Graf, eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: Wir verlangen den ganzen Menschen.“
Der Angeklagte Moltke fragt in seinem Brief: „Ob ihm klar war, was er da gesagt hat?“ Moltke wurde es klar, in diesem Augenblick. Er stand da als ganzer Mensch, als Christ und als gar nichts anderes, als einer, der Gott liebt und denkt in seiner ganzen gnädigen Gegenwart. Das war für ihn, so lesen wir es in seinen Briefen, so selbst-klärend und eindeutig, dass er das Gefühl hatte, sein ganzer Lebensweg wäre gnädig auf diese Klärung zugelaufen: „Für diese eine Stunde hat der Herr [Gott] sich all diese Mühe gegeben.“
Damit im Saal des Volksgerichtshofs der Gegensatz unübersehbar würde zwischen der Gnadenlosigkeit der Diktatur und dem Leben aus der Gnade, zwischen tiefer Menschenverachtung und der grenzenlosen Menschenfreundlichkeit Christi, zwischen den wahren Verheißungen des Evangeliums und eigenen Heilsideologien, ja, messianischen Selbstbezeichnungen – wie wir sie am 20. Januar just vom amerikanischen Präsidenten vernehmen mussten.
Dieser grundsätzliche Gegensatz also zwischen Menschenvergötzung und Gottesdienst. „Das Feigenblatt ist ab!“ Am Ende dieses Schauprozesses war ihm in aller Schärfe klar, dass braune Ideologie und evangelische Wahrheit unvereinbar sind.
Um diesen Punkt kreisen schließlich alle wichtigen Gedanken des Helmuth James Graf von Moltke, des 38-jährigen, der als Widerständler zum Tode verurteilt wird, weil er als Christ und Zeitgenosse über ein anderes Deutschland nachgedacht hat, „als Christ und als gar nichts anderes“.
Und weil er das in so klarer und mutiger Weise getan hat, gedenken wir heute seiner. Wir erinnern uns an sein Leben. Wir erinnern uns an seine Hinrichtung vor 80 Jahren.
Es ist unermesslich wichtig, sich zu erinnern. Die Erinnerung vergewissert uns im Heute. Wo stehen wir, wenn Unrecht geschieht? Was sagen wir, wenn rechtsextremistische Meinungen in der Mitte der Gesellschaft wieder salonfähig werden, ja, wenn sie ohne Hemmungen in abgründiger Art und Weise wieder in Wahlreden laut geschrien werden? Wenn Wahlrednerinnen rechts und links von je acht Deutschlandfahnen flankiert werden? (Wir wissen alle, dass die Zahl 88, gleich HH, Heil Hitler bedeutet.) Was tun wir, wenn menschenverachtende Haltungen um sich greifen? Und wenn religiöse, sexuelle oder ethnische Minderheiten bedroht werden?
Nie wieder ist jetzt. Also: Wach bleiben! Deshalb sind wir heute hier. Und ich danke allen von Herzen, die sich für dieses Erinnern stark machen, die Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen konzipieren und organisieren, die mit den Mitteln der Kunst an einen mutigen, aufrechten Menschen erinnern.
Darin lebt große Hoffnung! Für unsere Gesellschaft, aber auch für unsere Kirche. Denn wir erinnern uns heute auch, welch ungeheure Kraft und Konsequenz, welche Klarheit und welcher Mut aus dem christlichen Glauben, aus christlicher Freiheit, erwachsen können, wenn ein ganzer Mensch davon ergriffen wird.
Im Anschluss an die Andacht werden wir in der szenischen Lesung aus seinen Briefen hören, was Helmuth James Graf von Moltke bewegt und motiviert hat, und auch wie gefasst und getrost er dem Tod entgegensah. Er lebte bis zum Ende mit einem ungeheuren Gottvertrauen – und ich muss sagen: Ich wüsste nicht, ob ich es so gekonnt hätte wie er. Wie er, der geliebte Jäm und sie, seine Frau Freya. Ein Vertrauen, dass Gott einen schon aufs Beste führen wird – auch in Schmerz und Not. So, wie sich das Volk Israel in der Wüste anvertraute; ich lese Verse aus dem Buch Exodus:
„Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“
Dieses Bild im Sinn blieb Helmuth James Graf von Moltke einer, der mit innerem Kompass Kurs hielt und sich nicht einschüchtern ließ. Der sich treu und darin ein freier Mensch geblieben ist, inmitten einer Diktatur. Denn es ist die Freiheit, die der Angst die Macht nimmt!
Man hat Moltke unterstellt, dass er in seiner Glaubensgewissheit schwärmerisch war, unrealistisch, übertrieben, nicht nachvollziehbar. Aber ich denke, das trifft es nicht. Er hat sich entschieden und ist in der Dunkelheit der NS-Diktatur der Feuersäule gefolgt.
Eine Ordensfrau, die ihn im grauenvollen Alltag des KZ Ravensbrück erlebt hatte, schreibt: „[…] er war ein erbarmungsloser Realist, aber diese Wirklichkeit war eben nicht zu Ende an den Rändern der sichtbaren Welt, sondern zu ihr gehörte auch die Wirklichkeit Gottes, der uns in seinem Knecht Jesus Christus einen Hinweis gegeben hat, wie Dienst in der Welt und an der Welt aussehen kann und muss.“
Und nein, es war keine leichte Entscheidung, denn Moltke hätte ein glückliches, erfülltes, bürgerliches Leben haben können. Auch das werden wir in der szenischen Lesung hören. Er liebte seine Frau über alles. Er hatte zwei Kinder. Er hätte die Möglichkeit gehabt, sich aus Deutschland abzusetzen. Er hätte Karriere machen können, hätte überleben können.
Aber er entschied sich, Menschen zu helfen und Leid zu lindern. Er wollte ganz bewusst dem Regime und seinen sadistischen Anführern in den Arm fallen. Als „vernetzter“ Mensch, wie wir heute sagen würden, und als Völkerrechtler im Kriegsministerium hatte er zuverlässige Informationen über die Machenschaften des Naziregimes gesammelt. Und so beginnt er im Rahmen des geltenden Rechts mit zunehmend gewagteren Aktionen, Widerstand zu leisten.
Er ist sich bewusst, welche Konsequenzen sein Verhalten für sich, seine Familie und seine Verbündeten haben kann. Aber er empfindet es dennoch als Pflicht, dem Rassenhass und der eiskalten Vernichtungsmaschinerie die Menschlichkeit entgegenzuhalten. Auf seinem Gut im schlesischen Kreisau versammelt er sorgsam ausgewählte Bündnispartner: Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Konservative, Protestanten und Katholiken.
Es geht ihnen nicht um den Sturz des Regimes. Gerade Moltke distanziert sich mehrfach von Attentatsplänen und lehnt jede Gewalt ab. Die Menschheit müsse begreifen, dass der Nationalsozialismus gescheitert und schuld an Deutschlands Niederlage ist, das ist seine tiefe Überzeugung. Der „Kreisauer Kreis“, wie er später in Verhörakten bezeichnet wird, plant ein Deutschland nach dem Krieg. Der Grundgedanke: Wie kann eine Gesellschaft geordnet werden, in der gutes, demokratisches Leben gelingt?
Mir raubt die Aktualität dieser Frage den Atem. Inmitten dieser wunden Zeiten, in denen Krieg, erstarkender Antisemitismus und eine rechtsextremistische Partei unserer Demokratie zu Leibe rücken, verstehe ich diese nachdenkliche Besonnenheit als Kraft, ja als Auftrag. Die Ausstellung über den Kreisauer Kreis hier im Kirchraum dokumentiert dies überdeutlich: nicht der Ohnmacht stattgeben, nicht den Ängsten, die so bewusst geschürt werden, sondern Freiheitsliebe und Mut entgegenhalten, eben: Zivilcourage.
Am 19. Januar 1944 wird Moltke in Berlin verhaftet, weil er einen Bekannten vor der Verhaftung gewarnt hatte. Trotz intensiver Suche haben seine Verfolger alle Not, ihm etwas Strafbares nachzuweisen. Die nüchterne Zusammenfassung Moltkes lautete: „Sie verurteilen uns, weil wir gedacht haben. Weil wir gedacht haben […]“
Und er dachte weiter in dem Jahr, das ihm noch blieb, schrieb Briefe, und deutete seine Lage als Konsequenz seines Weges, mit dem er in Frieden war.
An seine Frau schrieb er kurz vor seinem Tod: „Ich habe ein wenig geweint eben, nicht traurig, nicht wehmütig, nicht weil ich zurück möchte, nein, sondern vor Dankbarkeit und Erschütterung über diese Dokumentation Gottes. Uns ist es nicht gegeben, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, aber wir müssen sehr erschüttert sein, wenn wir plötzlich erkennen, dass er ein ganzes Leben hindurch am Tage als Wolke und bei Nacht als Feuersäule vor uns hergezogen ist, und dass er uns erlaubt, das plötzlich in einem Augenblick zu sehen. Nun kann mir nicht mehr geschehen.“
Am 23. Januar 1945, knapp zwei Wochen nach dem Todesurteil des Volksgerichtshofs, wurde Helmuth James Graf von Moltke mit sieben anderen Widerstandskämpfern in Plötzensee hingerichtet. Auf seinem Grabstein steht ein Vers aus dem 101. Psalm:
„Meine Augen sehen nach den Treuen im Lande.“
Helmuth James Graf Moltke war ein Treuer im Lande. Ein ganzer Mensch. Einer, der zum Nachdenken über die eigene – christliche – Haltung herausfordert. Immer wieder und gerade heute.
Amen.