16. Februar 2025 | Dom zu Lübeck

Gottesdienst am Sonntag Septuagesimae

16. Februar 2025 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Kohelet 7,15-18

Liebe Domgemeinde,

das Leben ist nicht fair. Das ist die Überschrift heute, auch des Evangeliums eben. „Das Leben ist nicht fair.“ So heißt es auch in einem wunderschönen Lied von Herbert Grönemeyer, das er seiner jung verstorbenen Frau widmete:

„Ich kann nicht mehr sehen
Trau nicht mehr meinen Augen
Kann kaum noch glauben
Gefühle ham sich gedreht
Ich bin viel zu träge
Um aufzugeben
Es wär auch zu früh
Weil immer was geht

Wir waren verschworen
Wären füreinander gestorben
Haben den Regen gebogen
Uns Vertrauen geliehen
Wir haben versucht
Auf der Schussfahrt zu wenden
Nichts war zu spät
Aber vieles zu früh

Wir haben uns geschoben
Durch alle Gezeiten
Haben uns verzettelt
Uns verzweifelt geliebt
Wir haben die Wahrheit
So gut es ging verlogen
Es war ein Stück vom Himmel
Dass es dich gibt

Du hast jeden Raum
Mit Sonne geflutet
Hast jeden Verdruss
Ins Gegenteil verkehrt
Nordisch nobel
Deine sanftmütige Güte
Dein unbändiger Stolz
Das Leben ist nicht fair.“

Als Grönemeyer dieses Lied bei „Wetten, dass?“ vor vielen Jahren zum ersten Mal gesungen hat, blieb es danach im Saal ganz still. Erst als er vom Klavier aufstand, taten es ihm alle nach, applaudierten frenetisch, minutenlang. Berührt, weinend, lachend. Und dann ging Grönemeyer ab, leise. Weise war das! Verhinderte er doch, dass der Moderator diesen magischen Moment der Menschlichkeit zerplauderte.

Die Leute haben damals ganz genau gespürt: Hier weiß einer ein Lied davon zu singen, wie tief der Schmerz reicht, wenn jemand stirbt, den du liebst. Grönemeyer hatte vier Jahre zuvor innerhalb nur weniger Tage seinen Bruder und seine Frau Anna an Krebs verloren. In diesem Lied hat er den unsäglichen Schmerz, seine Klage verarbeitet und hat damit vielen Menschen Worte geschenkt, um ihre eigene Trauer auszudrücken.

Bis heute findet man im YouTube-Kanal Kommentare wie diesen von vor zehn Monaten: „Habe heute meinen Vater begraben. Danke, Herr Grönemeyer, für die Kraft, die Sie mir geben. Achtet auf eure Liebsten. Verzeiht einander. […] Wenn der Tod kommt, gibt er dir die geliebte Person um keinen Preis zurück. […] Heute habe ich die Demut vorm Leben gelernt. Leb wohl, mein so sehr geliebter Vater. Ich wünschte ich wäre früher so weise gewesen.“

Oder Alexander: „Das Lied ist für meine Tochter! Werde dich immer lieben, jeden Tag besuchen! Ich liebe dich über alles. Wir sehen uns wieder. Dein Papa“

Das Leben ist nicht fair. Wahrlich nicht. Das können viele sagen, die ihr Unglück nicht fassen können. All die Opfer in Solingen, Magdeburg, Aschaffenburg, jetzt München. Wenn Leid und Tod über den Menschen herfallen, gnadenlos, wahllos, irrsinnig, krank. Völlig ohne eigenes Zutun, das ist so fassungslos ungerecht.

Morgen fahre ich nach Hanau. Vor fünf Jahren hatte dort ein rassistischer Rechtsextremist neun unschuldige Menschen getötet, gezielt, weil sie Migrationshintergrund hatten. Skrupellos hat er unzählige Leben, auch ja der Angehörigen, zerstört. Trauer durchzieht bis heute die Stadt und viele interkulturelle Initiativen versuchen heilsame Akzente zu setzen. Aber da ist immer auch Wut, als Angehörige nicht genug gesehen, geachtet zu werden.

Das Leben kann so unglaublich ungerecht sein. So haben‘s auch die ersten Arbeiter im Weinberg erlebt und sie sind maßlos wütend ob der Willkür des Weinbergbesitzers, wütend in ihrer Ohnmacht. Wütend, wie in diesen Tagen viele Menschen sind.

In diesen Wochen vor der Wahl. Alle sind so aufgewühlt, aufgeheizt. Die Fronten werden starrer, die Positionen verhärten. Rechtextreme schüren die Ängste der Verunsicherten und verschärfen, unterstützt von einem übergriffigen Vizepräsidenten der USA, den ohnehin menschenunwürdigen Ton. Als würde man mit Niedermachen, Anzählen, Lügen auch nur ein einziges Problem lösen können.

Und trotzdem ist da, auch bei vielen leiseren, vernünftigen Zeitgenossen, dieses Gefühl, den Verhältnissen und Krisen ausgeliefert zu sein und von der Politik nicht genügend beachtet zu werden. Alle wollen zu ihrem Recht kommen. Zu Recht.

Das Leben ist nicht fair. Das weiß auch unser Predigttext von Kohelet (früher Prediger Salomo) mit seiner Weisheitstradition, die genau hineinspricht in unsere gehetzten Zeiten, in denen wir manchmal mit unserer Weisheit am Ende sind. Ich lese uns aus dem 7. Kapitel:

„Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“

Der Prediger ist genau genommen nicht einer, sondern eine Gruppe von Weisen, die die Welt versuchen zu verstehen. Sie erleben, was wir alle erleben: Menschen, die sich nach Kräften mühen, nach Gottes Geboten zu handeln, müssen trotzdem furchtbar leiden und finstere Täler durchwandern. Und all die Ignoranten, die von Gott schon lange nichts mehr halten, die sich vor allem um sich selbst kümmern, die bleiben unversehrt. Das Leben ist nicht fair!

Es ist zum Verzweifeln fürs leidende und mitleidende Herz. Aber auch den Kopf bringt es um den Verstand. Es kränkt unser Gefühl für Gerechtigkeit, wenn Undank der Welten Lohn ist. Allzumal, wenn die Unmoralischen vor Glück zu strotzen scheinen, schaut die Oligarchen auf ihren Yachten!

Und daneben die Aufrechten, die verzweifeln, weil ja tatsächlich die Ehrlichen oft die Dummen sind. Sie gehen zugrunde, zuweilen gerade an ihrem Gerechtigkeitssinn, an ihrer Selbstaufopferung, an ihrer Verletzlichkeit. Vielleicht auch an ihrem moralischen Eifer.

Und daneben dann sieht man die Frevler Party feiern. Da kann man doch wirklich vom Glauben abfallen! Kohelet hält es gar für möglich, in Anbetracht dieses Befundes gott-los, ja Gott loszuwerden. Aber er warnt: zu gottlos zu sein, nimmt dir das Leben. Andererseits zu gerecht und weise sein zu wollen – ebenfalls!

Übertreibe es also bloß nicht mit beidem! Übertreibe es nicht mit deinem Streben nach Gerechtigkeit, nach Weisheit und Gottesliebe. Immer schön mit Augenmaß. Denn das Leben strotzt vor unauflösbaren Widersprüchen. Das wirst du nicht lösen können. Deshalb reicht es völlig, Gott mit Ehrfurcht zu begegnen und ihn nicht an Moral überbieten zu wollen.

Die Weisheit findet das nämlich eitel. Sie warnt vor zu hohen Ansprüchen an sich und andere. Zumal das Extreme nie dem guten Leben dient. Deshalb geht auch das nicht: feiern bis zum Abwinken und sich vom Kuchen holen, was geht. Nein: „Sei nicht zu gottlos, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.“ Will sagen, nur weil die Despoten, Ignoranten, Hetzerinnen dieser Welt mit allem Möglichen durchkommen, ist das noch lange kein Vorbild.

Denn die Ungerechten, auch sie sterben vor der Zeit. Vielleicht nicht den biologischen Tod, aber womöglich doch den sozialen? Weil Menschen, die massives Unrecht tun, ja auch Ächtung erfahren und Isolation. Womöglich selbst ihres Lebens nicht mehr froh werden, eher verbiestert?

Trampelt einer nur, wächst kein Gras mehr. Nichts Schönes. Wer anderen Unrecht tut, zerstört die Menschlichkeit, kappt damit die Lebenskantilene, und so erkaltet der lieblos Gewordene mitten im Leben. Traurig – und zugegeben auch ein bisschen tröstlich, müssen wir ja mit so manchem Despoten dieser Tage innerlich zurecht zu kommen.

Kohelet nun weigert sich in seiner Weisheit, eindeutig moralisch für immer zu wissen, was richtig und falsch ist. Eine vorsichtige Stimme ist das, weltweise. Es ist eine Position der Umsicht, der Abwägung, der Geistesgegenwart. Die sagt: „Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt.“ Schau nach rechts und links, such die kluge Mitte. Es ist ein dritter Weg, der Weg des Geistes, des Heiligen Geistes in der Dreifaltigkeit. Zugegeben, nicht der populärste Weg in populistischen Zeiten mit Brandmauern, die fallen. Denn dieser Geist laviert bisweilen auch, ist sich nicht sofort sicher, betrachtet die Situation von verschiedenen Seiten.

Es ist das Gegenteil eines sich zuspitzenden Wahlkampfes. Kein scharf schneidendes entweder – oder, gut – böse, dafür – dagegen, sondern die Möglichkeit des sowohl – als auch. Kohelet liebt den Spielraum für Graustufen und Zwischentöne. Entgegen jeder Polarisierung setzt er auf das Ausmitteln. Auf Ausgleich und kluges Überlegen, auf unaufgeregte Bedächtigkeit im besten Sinne. Ja, auf Verständigung.

Ich bin überzeugt, liebe Geschwister, dass das der Weg ist in diesen Tagen. Unser Weg als Christenmenschen, als Kirche. Nicht polarisieren, sondern verständigen. Ver-mitteln. Hören. Aushalten. Traurigkeit zulassen. Einen Raum fürs Unsagbare offenhalten.

Morgen in Hanau will die Kirche genau so ein Verständigungsort sein. An dem alle ausreden können, keiner unterbrochen wird, wo neu nach vorn gedacht werden will. Es liegen fünf Jahre der Trauer hinter den Menschen, und ja, dieser Schmerz wird niemals ganz zu lindern sein.

Zugleich geht es vielen so, dass die Wut sie müde gemacht hat. Sie wollen einen neuen Anfang, sich in die Zukunft ausrichten. Weil es so unglaublich viel Schönes, so viel zu lieben gibt. Und zu lernen! Etwa wie wir achtungsvoll und sensibel mit Menschen anderer Herkunft umgehen, die uns in Krankenhäusern pflegen, als Polizistin helfen und als Boten Pizza bringen. Und wie wir rassistische und rechtsextreme Parolen, diesen ganzen menschenverachtenden Irrsinn auch religiöser Extremisten nicht verharmlosen. Sondern klar beim Namen nennen – und damit Hände reichen. Unbeirrt.

Jetzt ist die Zeit, sich von Kohelets Weisheit den Rücken stärken zu lassen, um als Christenmenschen der öffentlichen Empörungskultur, den Hassrednerinnen und den Angstmachern etwas entgegenzusetzen. Wir müssen jene stärken und stützen, die miteinander reden und Kompromisse finden wollen, damit sich möglichst wenig Menschen ungerecht behandelt fühlen.

Geben wir also kommenden Sonntag der kostbaren Demokratie unsere Stimme. So dass Menschen unser Land steuern, die Kompromiss können. Die mit Kohelet sagen: „Gut ist‘s, das eine wie das andere nicht aus der Hand zu lassen. Ja, wer Gott fürchtet, geht aus allem [gut] heraus.“

Hände reichen. Und mit Koholet auf einen guten Ausgang hoffen, liebe Geschwister. Denn das ist die Quintessenz: Wer auf Gott setzt, entgeht den Abgründen der Extreme. Was nun wiederum zu einem guten Leben führt, denn „das Beste, was der Mensch tun kann“, rät er anderer Stelle, „ist, sich zu freuen und sein Leben zu genießen, solange er es hat.“ In aller Demut. Oder mit Herbert Grönemeyer zu Ende gesungen:

Ich gehe nicht weg
Hab meine Frist verlängert
Neue Zeitreise
Offene Welt
Habe dich sicher
In meiner Seele
Ich trag' dich bei mir
Bis der Vorhang fällt.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht als all unser Verstehen, bewahre uns Herz und Sinn in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

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