Seelsorge im Krankenhaus: Beistand und Begleitung in schweren Momenten
24. Februar 2025
Wenn das Leben uns an unsere Grenzen bringt – sei es durch Krankheit, Schmerz oder Verlust – kann ein einfühlsames Gespräch Trost, Hoffnung und neue Kraft schenken. Pastorin Anke Leisner und das Team der Krankenhausseelsorge am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg begleiten Patienten, Angehörige und Mitarbeitende in diesen schwierigen Momenten.
Seelsorge scheint für viele ein etwas in die Jahre gekommener Begriff zu sein. Doch es gibt Momente und Situationen im Leben, in denen wir uns kraftlos, allein oder schwach fühlen – beispielsweise, wenn wir uns im Krankenhaus wiederfinden, sei es aufgrund eines kleinen Eingriffs oder gar einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Für die Patientinnen und Patienten des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums in Neubrandenburg sind dann Pastorin Anke Leisner und zwei weitere hauptamtliche Mitarbeitende vor Ort, um ihnen seelsorglich beizustehen.
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Ein persönlicher Weg zur Seelsorge
Krankenhausseelsorge im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum
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Für die Krankenhausseelsorgerin Anke Leisner ist ihre Arbeit eng mit ihrem persönlichen Werdegang verknüpft. Aufgewachsen als Tochter eines Pastors, war ihr das Abitur in der DDR trotz bester Noten verwehrt. „Als Christin, die zu ihrer Überzeugung steht, war es mir nicht erlaubt, eine gute schulische oder universitäre Ausbildung zu erhalten“, erinnert sich die Theologin. Mit den Eltern entschied sich die damals 16-Jährige für eine Ausbildung zur Krankenschwester an einem von Diakonissen geführten evangelischen Krankenhaus.
„So bin ich damals, als Minderjährige, schon Leid und Tod begegnet. Es gab viel zu wenige Krankenschwestern, so dass wir schon sehr bald als Schüler nachts allein für eine Station verantwortlich gewesen sind. Als ich nach meinem Examen bemerkte, dass meine kurz vor der Rente stehende Stationsschwester mich gern als ihre Nachfolgerin sah, meinte ich für diese Aufgabe noch nicht gerüstet oder fertig zu sein. Gerade im Bezug auf das Thema Leid und Tod fühlte ich eine Überforderung und Sprachlosigkeit. Gleichzeitig wuchs die Gewissheit, dass ich gerne bei den Menschen sein wollte. Doch ich war mit der Pflege so ausgefüllt, dass keine Zeit blieb, mich den Menschen zuzuwenden.“
Der Umgang mit Schwerkranken oder Sterbenden, wie sie ihn damals erlebte, mündete 1987 in ein Theologiestudium, das sie durch ihre Berufsausbildung und eine Sonderreifeprüfung aufnehmen konnte – mit dem festen Ziel, irgendwann als Seelsorgerin in ein Krankenhaus zurückzukehren.
Unterstützung für Patienten, Angehörige und Mitarbeitende
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Menschen in Not und Krisensituationen, die Unterstützung benötigen, sind bis heute die größte Motivation für die Arbeit der Pastorin. Nach einer ersten Phase in Ludwigslust kam sie 2009 an das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. Von Anfang an ist sie dort im Team mit zwei weiteren Krankenhausseelsorgergenden tätig – und mit insgesamt 15 ausgebildeten Ehrenamtlichen. „Die Kraft vervielfältigt sich durch diese vielen engagierten Menschen“, sagt die Pastorin.
Die Ehrenamtlichen kommen jeweils einmal wöchentlich, um Besuche auf den Stationen zu machen, nach den Bedürfnissen der Patienten zu fragen und Unterstützung zu leisten. Doch auch Pastorin Leisner ist in den Krankenzimmern anzutreffen. Mithilfe der Patientenlisten erhält sie täglich Einblick, wer neu ins Krankenhaus aufgenommen wurde oder vielleicht schon wiederholt eingewiesen wurde.
„Manchmal begleiten wir einen Menschen über viele Jahre. Doch in den meisten Fällen bleibt es bei einer einmaligen Begegnung. In der Regel sind wir darauf angewiesen, dass Mitarbeitende der Klinik vorschlagen: ‚Sollen wir mal jemanden von der Krankenhausseelsorge rufen, der an Ihrer Seite bleibt und sich ein wenig Zeit nimmt?‘“
Seelsorge in Krisensituationen
Die Begleitung der Angehörigen spielt besonders auf der Intensivstation eine große Rolle. „Mit einer guten Begleitung der Angehörigen können wir unsere Mitarbeitenden stark entlasten. Während die Patienten versorgt oder gerade operiert werden, stehen die Angehörigen oft völlig überfordert mit der Situation da. Und besonders in krisenhaften Fällen, wie wir sie jetzt wieder mit den Anschlägen in Magdeburg oder München erlebt haben, merke ich, wie sehr auch die Mitarbeitenden im Nachgang aufgefangen werden müssen.“
Anke Leisner widmet sich daher mit großem Engagement dem Thema Krisenintervention und hat am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum ein multidisziplinäres Team mit ins Leben gerufen, um diese Aufgabe thematisch voranzutreiben.
Gespräche als Schlüssel
Wenn Pastorin Leisner von ihren Gesprächen mit den Menschen im Krankenhaus erzählt, beschreibt sie gerne das Bild einer Tür, die auf der einen Seite einen Knauf und auf der anderen Seite einen Drücker hat.
„Ich habe dieses Bild im Studium kennengelernt, und es ist für mich immer noch stimmig“, sagt sie. „In dem Moment hat nur mein Gegenüber den Türdrücker. Ich stehe immer vor einer verschlossenen Tür. Und ich habe den Schlüssel nicht. Also kann ich sie nicht aufschließen, und ich kann sie auch nicht gewaltsam aufbrechen. Nur er oder sie kann die Tür von innen öffnen. Für mich ist es ein gutes Gespräch, wenn ich das Gefühl habe, dieser Mensch hat von innen die Tür geöffnet und mich hineingelassen – und mir ein Stück seines Herzens gezeigt. Und manchmal kommt es dann auch zu einem Bibelwort oder einem gemeinsamen Gebet.“
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Glücksmomente in der Seelsorge
Auch wenn Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorger nur in wenigen Fällen denselben Menschen erneut begegnen, gibt es doch Ausnahmen. „Glücksmomente“ nennt Anke Leisner diese seltenen Begebenheiten, wenn sie spürt, dass ihre Begleitung in einer schweren Krise heilsam und hilfreich war.
Zum Beispiel bei einer Familie, die am Heiligabend ihren Sohn, Bruder und Schwager verlor. „Im Jahr darauf kamen die Mutter und die Schwester am Heiligabend in unsere Kapelle zum Gottesdienst. Die junge Frau war hochschwanger. Als das Kind geboren war, kam sie zu mir, um sich nach einer Taufe zu erkundigen.“
Ein anderes schönes Erlebnis hatte Anke Leisner mit einer Frau, die ihren Bruder verloren hatte. Zehn Jahre später war diese selbst im Krankenhaus, erkannte Pastorin Leisner wieder und erzählte ihr, dass sie sich bis heute an die Worte erinnerte, die sie damals von der Pastorin gehört hatte. „Ich selbst hatte sie vergessen – aber für die Frau waren diese Worte zur ständigen Begleitung in ihrem Leben geworden.“
Glaube als Quelle
Der Glaube und die Aufgaben, die Anke Leisner täglich bewältigt, erfüllen sie aus tiefster innerer Überzeugung. Ihre Kraft und Erholung findet sie beim Fahrrad fahren am See entlang zum Klinikum, in ihrem Garten oder in der Natur – und im Austausch mit Nachbarn und Freunden. Ein Bibelvers begleitet sie besonders in ihrer Arbeit:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“
„Gerade das Wort ‚Besonnenheit‘ hat in krisenhaften Situationen, in denen Menschen aufgeben wollen, eine besondere Bedeutung. Ich glaube, diese – meine – Haltung ist es, die die Menschen wahrnehmen. Dafür brauche ich keine großen frommen Worte. Doch sie spüren, aus welcher inneren Haltung heraus ich handle. “